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Chabad Germany
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Behalotcha

Als die Ghettomauern fielen

von Levi Avtzon

Früher gab man einem Kind eine Anweisung, und es befolgte sie. Die Weitergabe des Judentums und der jüdischen Bräuche von einer Generation an die nächste war einfach: Eltern sagten zu ihrem Kind: „Das tun wir, und das tun wir nicht.“ Unsere Ahnen lebten in einem materiellen Ghetto, das sie nicht verlassen konnten, und in einem seelischen Ghetto, weil sie keine Alternativen hatten. Auch die Erziehung war einfach.

Dann wurden die Juden emanzipiert. Die Ghettomauern fielen. Und die jüdische Erziehung änderte sich für immer. Den Kindern war die Welt um sie herum nicht mehr fremd. Sie hatten endlos viele Möglichkeiten – und die alten Bräuche waren nur eine davon. Es genügte nicht mehr, wenn die Eltern sagten: „Du tust das, weil ich es will.“ Das war bereits eine Herausforderung in der Zeit der Pferdekutschen, und im 21. Jahrhundert ist es erst recht eine Herausforderung, weil die ganze Welt vor unserer Haustür oder, besser gesagt, in unserem Schlafzimmer liegt.

Ein chassidischer Rebbe sagte einmal: „Meine Chassidim sehen heute während einer einzigen Zugfahrt mehr, als meine früheren Chassidim im Stetl in ihrem ganzen Leben gesehen haben.“

Wie erziehen wir Kinder im Zeitalter des Internets?

G-tt sprach zu Mosche: „Sage Aharon: ‚Wenn du die Lichter [der Stiftshütte] hochhebst [„behalotscha“] ...“ (Numeri 8:1–2). Behalotcha wird meist mit „wenn du anzündest“ übersetzt, aber wörtlich bedeutet es „wenn du hochhebst“. Wie hängen das Hochheben und Anzünden einer Menora zusammen? Der Bibelkommentator Raschi erklärt: Der Priester muss die Lichter in der Menora anzünden, bis sie von selbst brennen, also sich in die Höhe strecken. In spiritueller Hinsicht symbolisiert die Menora die Seele. Eine Menora anzünden bedeutet also, eine Seele anzünden.

Die Torah lehrt uns, dass wir unsere Kinder oder Schützlinge so erziehen müssen, dass sie auf eigenen Füßen stehen können; dann haben wir ihre Seele entzündet. „Gebt ihnen keinen Fisch, sondern bringt ihnen das Fischen bei.“ Lehrt sie nicht Abhängigkeit, sondern Unabhängigkeit. Unterrichtet sie in unserem Glauben und lehrt sie, stolz auf ihn zu sein, nicht unwissend und kleinlaut.

Wir müssen ein starkes Immunsystem aufbauen, das sogar den Unrat in der Welt abwehren kann. Dieses Immunsystem wird jedoch nicht vererbt, und es bildet sich nicht von selbst. Wir müssen „die Lichter hochheben“.

 

 

 

 

 

 

 

 

Und was tust du?

Rabbi Josef Ber Soloweitschik, der Rabbiner der Stadt Slutsk, begegnete einmal einem jungen Mann, der einer seiner Studenten in der Jeschiwa von Waloschyn gewesen war. Das Treffen war sehr herzlich, und der Rabbi lud den jungen Mann zu sich zum Essen ein. „Was tust du in letzter Zeit?“, fragte der Rabbi. „Nun, ich bin Händler geworden und G-tt sei Dank sehr erfolgreich, und ich führe ein gutes Leben“, antwortete der ehemalige Student. Der Rabbi hörte ihm zu, sah ihn an und fragte: „Und was tust du?“ Das wunderte den jungen Mann. Hatte der Rabbi ihn nicht verstanden? Er wiederholte seine Worte. Doch anstatt darauf einzugehen, fragte der Rabbi erneut: „Aber was tust du zur Zeit?“ Der junge Mann erwiderte: „Bitte verzeiht mir die Frage; aber Ihr habt mich dreimal gefragt, was ich tue, und ich habe geantwortet. Das verstehe ich nicht.“ Nach einem tiefen Seufzer sagte der Rabbi: „Ja, du hast meine Fragen dreimal beantwortet; aber ich hatte mir eine andere Antwort erhofft. Du hast Geld verdient, doch das ist nicht dein Verdienst, denn das Geld gehört G-tt, wie geschrieben steht: ‚Mein ist das Silber und mein ist das Gold.‘ Er gibt dir Reichtum, Gesundheit und sogar dein Leben. Wenn ich dich frage, was du machst, meine ich damit deine guten Taten, die allein dir gehören. Spendest du Geld? Bist du freundlich zu anderen? Studierst du täglich die Torah? Das ist auf dieser Welt dein wahrer Besitz, der Einzige, den du selbst erwirbst, durch eigenes Streben. Ich will wissen, was du tust, nicht, was G-tt für dich tut.“

 

Reb Mosche Leib Sassower war ein großer Zadik, bekannt für die tiefe Liebe und Güte, die er seinen Mitjuden entgegenbrachte. Viele Juden kamen zu ihm und baten um seinen Rat oder seinen Segen. Eines Tages betrat eine arme Frau sein Zimmer und begann bitterlich zu weinen. „Bitte, Rebbe“, flehte sie, „segnet meine Tochter, die schwer krank ist.“ Reb Mosche sprach einen Segen: „Möge G-tt sie bald und vollständig heilen.“ Aber das genügte der verzweifelten Mutter nicht. „Nein, Rebbe, Ihr müsst versprechen, dass meine Tochter genesen wird. Ihr müsst bei Eurem Platz in der kommenden Welt schwören, dass G-tt mein Kind gesund macht.“ Ohne einen Augenblick zu zögern, antwortete Reb Mosche: „Ich schwöre bei meinem Platz in der kommenden Welt, das G-tt sie heilen wird.“ Als die Frau das hörte, dankte sie dem Zadik überschwänglich und ging erleichtert nach Hause. Reb Mosches Schüler, die bei diesem Gespräch anwesend waren, fragten erstaunt: „Rebbe, wie könnt Ihr ein solches Versprechen geben? Das Mädchen ist schwer krank, und es ist gut möglich, dass sie stirbt.“ „Was hätte ich sonst tun sollen?“, erwiderte Reb Mosche. „Die Tränen einer jüdischen Mutter sind mir kostbarer als die ganze künftige Welt. Wenn mein Schwur notwendig war, um ihre Tränen zu trocknen, dann ist mir das mehr wert als mein Platz in der Welt der Wahrheit.“

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